In einem fernen Königreich lebte einst ein habgieriges, missgünstiges Volk. Obwohl die Felder fruchtbar waren und niemand hungern musste, neideten die Menschen einander ihr Hab und Gut. Es dauerte nicht lange, da begannen sie, einander zu bestehlen und zu betrügen, dass es ein Graus war. Als die Feen und Elfen dies sahen, kamen sie nicht mehr, um ihre kleinen Wunder wirken zu lassen. Sie schickten keinen Regen mehr, wenn die Sonne allzu heiß brannte und die Ernte auf den Feldern verdorren ließ. Sie beschwichtigten den Sturm nicht mehr, wenn er so unbeherrscht wütete, dass er Häuser und Viehställe zum Einsturz brachte. So kam es, dass die Menschen in bittere Not gerieten, und bald war es keine Seltenheit mehr, dass jemand seinen Nächsten wegen eines Kanten Brots oder eines warmen Mantels erschlug.

In diesem finsteren Land gab es nun einen Jungen, der keine Mutter und keinen Vater mehr hatte und der nichts besaß außer einem reinen Herzen und den Lumpen, die er auf dem Leib trug. Eines Tages kam dieser Junge an einem Apfelbaum vorbei, der bereits abgeerntet war. Unter dem Baum lag noch ein vergessener, wurmstichiger Apfel. Der Junge hatte großen Hunger, und so sagte er sich, dass der Besitzer des Baumes diesen kleinen, verschrumpelten Apfel wohl nicht vermissen würde. Doch kaum hatte er sich nach der Frucht gebückt, da donnerte auch schon eine wütende Stimme: „Dich werd ich lehren zu stehlen!“ Erschrocken blickte der Junge auf und sah einen riesigen Kerl mit einer Mistforke auf sich zueilen. Da nahm der Junge die Beine in die Hand. Er rannte, so schnell er nur konnte, doch der Fremde ließ sich nicht abschütteln. So schlüpfte der Junge in einen kleinen Hain am Wegesrand, um sich zwischen Bäumen und Gebüsch zu verstecken.
Er entdeckte eine mächtige alte Eiche, die durch einen Blitzschlag gespalten worden war. Rasch kroch er in den hohlen Stamm. Kaum hatte er sich im Inneren des alten Baumes zusammengekauert, als dieser von einem heftigen Beben erschüttert wurde. Es polterte und knarzte so furchterregend, dass der Junge glaubte, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Doch mit einem Mal stand der Baum wieder still. Es war plötzlich so dunkel, dass der Junge die Hand vor Augen nicht mehr erkennen konnte. Der Spalt im Stamm der Eiche hatte sich geschlossen. „Liebe Mutter Eiche, bitte gib mich wieder frei!“, flüsterte der Junge ängstlich, während seine Hände nach einem Weg in die Freiheit tasteten. Da gab es abermals ein großes Getöse. Als es vorüber war, klaffte ein rundes Loch im Stamm des Baumes, gerade groß genug, dass der Junge sich hindurchzwängen konnte. „Danke, liebe Eiche!“, rief der Junge erleichtert aus, als er sich ins Gras plumpsen ließ.
Doch dies war nicht die Welt, aus der der Junge gekommen war. Verschwunden waren der Hain und der Weg, auf dem er gekommen war, verschwunden gottlob auch der Bauer mit der Mistgabel. Die Eiche stand nun inmitten einer saftig grünen Wiese, auf der wundersame Blumen wuchsen. Die Blüten strahlten in den prächtigsten Farben, und der Duft, den sie verströmten, war so betörend, dass dem Jungen ganz warm ums Herz wurde. Ein zarter Schmetterling mit schillernden Flügeln vollführte eine Pirouette, als wolle er den Jungen zum Tanz fordern. Staunend folgte der Junge dem anmutigen Geschöpf, das ihn zu einer Stelle führte, an der unzählige, wilde Erdbeeren wuchsen. Die Beeren schmeckten wunderbar süß und saftig, und der Junge, der noch nie etwas so Gutes gekostet hatte, konnte gar nicht wieder aufhören, davon zu essen. Schließlich war er jedoch so satt, dass er ganz schläfrig wurde. So legte er sich ins Gras, ließ sich die Sonne auf den vollen Bauch scheinen und schlief ein.

Er erwachte von einer Stimme, so hell wie das reinste Silber: “Wach auf, Menschenkind!“ Als er die Augen aufschlug, stockte ihm beinahe der Atem. Zu ihm sprach eine Frau von überirdischer Schönheit. „Dies ist das Feenreich! Du kannst hier nicht bleiben, mein Junge. Du musst wieder zurück in die Menschenwelt, ehe ein Unglück geschieht. Nicht alle Zauberwesen sind den Menschen wohlgesonnen.“ Da weinte der Junge bitterlich. Als die Fee ihn fragte, ob er denn gar kein Heimweh nach der Menschenwelt habe, erzählte er von all dem Unglück, das über die Menschen gekommen war, seitdem die Zauberwesen fort waren. Die Fee, die nun ebenfalls sehr traurig war, nahm die Hand des Jungen und ließ drei ihrer Tränen hineinfallen, die sich sogleich in funkelnde Diamanten verwandelten. „Finde einen Menschen, der bereit ist, mithilfe der Diamanten Gutes zu bewirken. Dann werden die Feen zurückkommen. Also wähle mit Umsicht, wem du einen Stein schenkst, und erwähne niemals unseren Handel!“, mahnte die Fee. „Solltest du jedoch versuchen, einen Diamanten zu verkaufen oder einzutauschen, so wird er wieder zu einer Träne werden und nutzlos für dich sein. Nun komm, es ist Zeit für dich zu gehen.“ Gehorsam folgte der Junge der liebreizenden Fee zur alten Eiche, deren Stamm sich nun zu einem weiten Bogen teilte, unter dem der Junge nur hindurchzuschreiten brauchte. Zum Abschied übergab die Fee dem Jungen ein Bündel saubere Kleidung, festes Schuhwerk und einen duftenden Laib Brot. Dann wünschte sie ihm Glück und schickte ihn zurück in die Menschenwelt.
Dort angekommen, überlegte der Junge, wem er den ersten der drei Diamanten überlassen sollte. Der König, so dachte er, muss ein besonnener Mann sein. Und er ist verantwortlich für das Wohl seines Volkes. Wenn ich ihm einen Stein schenke, wird er ihn bestimmt dazu nutzen, die Not der Menschen zu lindern. Also machte der Junge sich auf zum königlichen Schloss. Seine neuen Schuhe leisteten ihm gute Dienste, und das Brot gab ihm die Kraft, den weiten Weg zu bewältigen. Am Schlosstor zeigte er den Diamanten, den er dem König zu schenken gedachte, sodass er gleich vorgelassen wurde. Der König jedoch ließ den kostbaren Stein in die Schatzkammer bringen, um seinen Reichtum zu mehren. Da sah der Junge, dass er einen Fehler gemacht hatte. Schließlich hatte der König auch in der Vergangenheit weder seine Macht, noch sein Vermögen dazu eingesetzt, das Volk zu unterstützen. Der Junge nahm sich vor, beim nächsten Mal umsichtiger zu wählen.

Da er keine Bleibe hatte, zu der er hätte heimkehren können, begab er sich erneut auf Wanderschaft. Dort, wo er auf Menschen stieß, sperrte er die Ohren weit auf. Er hoffte, auf diese Weise von jemandem zu erfahren, der bereit war, Gutes zu tun. Doch alles, was er auf seinen Reisen zu hören bekam, waren Geschichten über Diebstahl, Raub und Totschlag. Die Sohlen seiner neuen Schuhe waren bereits dünn und löchrig geworden, als er eines Tages einen kleinen Marktflecken erreichte. Auch hier waren die Menschen arm und deren Kleider schäbig. Und doch schienen ihm die Gesichter weniger verhärmt als anderswo. Vor allem die Kinder wirkten besser genährt. Das Brot, das die gute Fee ihm gegeben hatte, war längst verzehrt, und der Junge war hungrig. So erkundigte er sich bei den Kindern, wo er wohl etwas zu essen bekommen könnte. Sie berichteten ihm, dass auf einer nahegelegenen Burg eine Gräfin lebte, die Küchenabfälle an die Armen verteilen ließ. Da wurde der Junge hellhörig. Frauen besaßen bekanntlich oft das weichere Herz und waren offener für die Nöte ihrer Mitmenschen. Die Gräfin schien dem Jungen die rechte Empfängerin für den zweiten Diamanten zu sein.
Guten Mutes klopfte er bald darauf an die Pforte der gewaltigen Burg und bat um Einlass. Als die Gräfin ihn empfing, sah er, dass sie gar prächtig gekleidet und mit den schönsten Juwelen geschmückt war. Das ist gut, so dachte er, die Gräfin besitzt bereits kostbarstes Geschmeide. Gewiss hat sie keine Verwendung für einen weiteren Edelstein, so dass sie meinen verkaufen wird, um die Armen zu unterstützen. Die eitle Gräfin jedoch war so betört vom Glanz des Diamanten, dass sie sogleich nach dem Goldschmied rufen ließ, damit er ihr einen Ohrring davon fertige.
Traurig zog der Junge von dannen. Er durchstreifte das Land ohne Ziel und ohne Hoffnung, jemandem zu begegnen, der den letzten der Edelsteine nicht allein zu seinem eigenen Vorteil nutzen würde. So begann er, die Menschen zu meiden und sich von den Früchten des Waldes zu ernähren. Als jedoch der Winter kam, fand er nicht mehr genug zu essen. So blieb ihm keine Wahl, als sich in den Dörfern und auf den Märkten nach Arbeit umzusehen. Selten genug kam es vor, dass ein Bauer oder ein Gastwirt seine Hilfe gegen eine warme Mahlzeit in Anspruch nahm. Noch seltener geschah es, dass er die versprochene Mahlzeit nach getaner Arbeit auch erhielt. Oft wurde er mit leerem Magen fortgejagt, so dass ihm nichts weiter übrig blieb, als hier und dort einen Bissen aus dem Abfall zu fischen.

Eines Tages, er war eben dabei, den Unrat eines Gasthauses nach etwas Essbarem zu durchwühlen, hörte er plötzlich ein lautes Geschrei. Rasch duckte er sich hinter den Abfallhaufen, als auch schon eine Menschenmenge heranstürmte, die eine alte Bettlerin mit Steinwürfen und unter den übelsten Beschimpfungen vor sich hertrieb. Da sprang der Junge auf und packte die klapprige Alte, ehe sie stürzen und von ihren aufgebrachten Verfolgern zu Tode getrampelt werden konnte. „Schämt euch was!“, rief er den Dorfbewohnern zu. „Wenn auch im nächsten Jahr die Ernte verdirbt, dann könntet ihr selbst bald an der Stelle dieser armen, alten Frau stehen!“ Da waren die Leute plötzlich still. Nachdenklich gingen sie auseinander und kehrten in ihre Häuser zurück. Der Junge jedoch zögerte nicht länger. Wenn ich schon diesem Land nicht helfen kann, dachte er, so will ich wenigstens der Bettlerin helfen, die andernfalls bald an Hunger und Kälte sterben wird. So kam es, dass der letzte der Diamanten in die Hände der armen Frau gelangte, die ihr Glück kaum fassen konnte. Sie wollte gar nicht wieder aufhören, sich bei dem Jungen zu bedanken, und sie versprach, dass sie seine gute Tat niemals vergessen würde.

Obwohl die Alte am Verhungern war und den Stein am liebsten gegen den nächstbesten Kanten Brot eingetauscht hätte, zwang sie sich, mit Bedacht zu handeln und den Edelstein möglichst gewinnbringend zu veräußern. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie den Boten einer mächtigen Gräfin auf einem Marktplatz zu den Menschen sprechen hören. Seine Herrin, so hatte er berichtet, suche einen ganz bestimmten Diamanten, der in Form und Größe zu einem zweiten passe, den die Gräfin als Ohrring trug. Die Gräfin versprach, denjenigen, der ihr einen solchen Stein brachte und ihr Schmuckstück auf diese Weise zu einem Paar vervollständigte, fürstlich zu entlohnen.
Mit letzter Kraft machte sich die Alte auf zur gräflichen Burg. Sie hoffte darauf, ein Fuhrwerk zu finden, auf dem sie ein Stück mitfahren konnte, doch niemand wollte die zerlumpte Alte auf seinem Wagen haben. Bald war sie so erschöpft, dass sie sich am Wegesrand niederlassen musste. Als sie sah, dass sie die Burg nicht ohne fremde Hilfe erreichen würde, gab sie ihren Plan auf und beschloss, bei dem nächsten Menschen, dem sie begegnete, Nahrung für den Stein zu kaufen. Sie musste nicht lange warten, bis wieder ein Fuhrwerk heranrumpelte. Doch o weh, es war nur ein alter, morscher Karren, vor den sich der Besitzer selbst gespannt hatte, da er nicht einmal einen Esel oder einen Ochsen besaß. Auf dem Karren hockten drei Kinder, die ebenso verhungert aussahen wie die Alte selbst.
„Wir haben selbst nichts zu essen, gute Frau“, antwortete der Mann, als sie ihn fragte, ob er ihr etwas verkaufen könne, „meine Frau ist bereits Hungers gestorben, und wenn ich nicht bald Arbeit finde, werden wohl auch die Kinder den Winter nicht überstehen.“
Da kam der Bettlerin ein Gedanke. „Lass mich auf deinem Karren Platz nehmen und bring mich zur Burg der Gräfin. Dort will ich sehen, ob ich etwas für dich und deine Kinder tun kann.“
"Ich weiß zwar nicht, wie du das bewerkstelligen willst, doch muss ich mich an jede Hoffnung klammern, und sei sie noch so gering!“
Und so setzte sich die Alte zu den Kindern und ließ sich von deren Vater zur Gräfin bringen. Am Burgtor zeigte sie den Diamanten her, der sogleich als das passende Gegenstück zum Ohrring der Gräfin erkannt wurde.
„Zuerst gebt uns zu essen“, verlangte die Frau von den Torwachen, „dann will ich mit der Gräfin verhandeln.“
Man brachte die kleine Gesellschaft sogleich in die Burgküche, wo sie sich an den köstlichsten Speisen laben durften. Der Bettlerin war es eine Freude, als sie in die leuchtenden Augen der Kinder sah, deren Wangen schon wieder ein wenig Farbe bekamen. So war sie gut gestärkt und frohen Herzens, als sie mit der Gräfin zusammentraf. Sie verhandelte äußerst geschickt und die Gräfin war blind vor Gier nach dem Diamanten. Als die kleine Gesellschaft die Burg schließlich verließ, war aus der Bettlerin eine ausgesprochen reiche Frau geworden, die in prächtigen Gewändern ging und die plötzlich viel jünger und frischer aussah. Da sah sie ihren Begleiter und dessen Kinder in ihren Lumpen und dachte, es ist nicht recht, dass ich einen so großen Reichtum für mich alleine habe, während diese armen Kinder frieren müssen, weil sie nichts rechtes anzuziehen haben. So versprach sie dem Mann, stets gut für ihn und seine Kinder zu sorgen, wenn er bei ihr bleiben und ihr zu Hand gehen wolle. Der Mann willigte glücklich ein, und so bezogen sie schon bald ein prächtiges Haus und lebten im Wohlstand.

Doch die Frau konnte sich ihres Reichtums nicht lange erfreuen. Wenn sie durch die Gassen lief und all das Elend sah, wurde sie traurig. Sie dachte, unser Haus ist so groß, dass wir uns beinahe darin verlaufen, unsere Vorratskammern sind so wohl gefüllt, dass die Speisen darin verderben, während die Menschen um uns herum kein Dach über dem Kopf und nicht einmal genug zu essen haben. So besprach sie sich mit dem Mann, den sie inzwischen geheiratet hatte, und sie beschlossen, fortan nicht mehr Kammern zu bewohnen, als sie für ihre Bequemlichkeit benötigten. Den frei gewordenen Teil des Hauses nutzen sie, um Arme zu speisen und ihnen eine Herberge für die Nacht zu geben. Auch Kranke wurden gepflegt, und manch einer, dem die Hilfe der Eheleute zuteil geworden war, spürte wieder Mitleid in seinem Herzen. Viele blieben, um die Familie bei ihren guten Taten zu unterstützen. Die Leidenden wurden bald von fachkundigen Kräuterfrauen betreut, und die Erwachsenen unterrichteten die Kinder in ihren Fertigkeiten und gaben ihnen so die Möglichkeit, ein ordentliches Handwerk zu erlernen.

Da die Eheleute fürchteten, dass ihr Besitz nicht ewig reichen würde, um alle zu versorgen, ermunterten sie die Menschen, brachliegende Felder zu bestellen und sich in der Vieh- und Gemüsezucht zu versuchen. Längst war die Kunde von dem, was sich in dem ehemals so finsteren Land ereignete, bis ins Elfenreich gedrungen. Und so kamen die Zauberwesen zurück und bescherten dem Dorf, in dem die Eheleute und ihre Helfer lebten, eine reiche Ernte und gesundes, fruchtbares Vieh. Als die Menschen in den umliegenden Orten erkannten, was ihre Nachbarn gemeinsam erreicht hatten, schlossen auch sie sich zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Auf diese Weise erblühte bald das ganze Land in neuem Wohlstand.

Der Junge, von dem die Frau einst den Diamanten als Geschenk erhalten hatte, brauchte nun ebenfalls nicht mehr in Armut zu leben. Und da es ihn selten lange an einem Ort hielt, machte er sich eines Tages auf, um zu sehen, wo all das Gute seinen Ursprung genommen hatte. Als er in der Wohltäterin die alte Bettlerin erkannte, gab es eine große Wiedersehensfreude. Der Junge fand in den Eheleuten und den Kindern endlich eine Familie, bei der er fortan leben wollte. Er wuchs zu einem stattlichen Burschen heran und heiratete, als die Zeit gekommen war, die älteste Tochter des Hauses. Die gute Fee wachte stets aus der Ferne über das Paar und später über deren Kinder, so dass ihnen niemals ein Leid geschah. Die verzauberten Diamanten jedoch, die ihren Zweck nun erfüllt hatten, wurden wieder zur Tränen, die alsbald trockneten und nichts als einen winzigen, glitzernden Salzrand hinterließen.

© by Alba
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